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Junge Erwachsene wohnen immer länger im “Hotel Mama”

Erstellt am 4. März 2010, zuletzt geändert am 17. März 2010

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

In den meisten Ländern der EU ist das durchschnittliche Auszugsalter gestiegen.

In Deutschland werden sie als “Nesthocker” bezeichnet, in Großbritannien als “Kippers”, als “Kids in Parent`s Pockets Eroding Retirement Savings” – was so viel bedeutet wie Kinder, die die Ersparnisse ihrer Eltern aufzehren. Gemeint sind junge Menschen, die auch nach Erreichen der Volljährigkeit noch zu Hause wohnen. In fast allen Mitgliedsstaaten der EU lässt sich die Entwicklung beobachten, dass die Sprösslinge immer länger unter dem elterlichen Dach logieren.

Dauergast “Muttersöhnchen”

Das durchschnittliche Auszugsalter ist zwischen 1995 und 2005 in fast allen Ländern der Europäischen Union gestiegen. Grundsätzlich verlassen Töchter früher als Söhne das Elternhaus. Besonders lange bleiben die jungen Menschen in den südeuropäischen Ländern Spanien, Griechenland, Portugal oder Italien unter dem elterlichen Dach (Daten von 2005, Datengrundlage: European Commission (2008): The life of women and men in Europe; keine Daten für Finnland und Dänemark von 1995, keine Daten für Irland von 2005).

Warum wohnen Erwachsene bei ihren Eltern?

Ein wichtiger Grund ist, dass sich die Ausbildungszeit vieler junger Erwachsener verlängert hat. Und wer noch nicht hauptberuflich Geld verdient, kann es sich kaum leisten, ein Zimmer oder gar eine Wohnung zu mieten. Hinzu kommt, dass die Schulabgänger oft nicht übergangslos, sondern erst mit Verzögerung in die Berufswelt eintreten.

Darüber hinaus erhalten viele Berufseinsteiger nur befristete Arbeitsverträge und können somit nicht langfristig mit einem geregelten Einkommen planen. Sie scheuen das Risiko, auszuziehen, eine eigene Wohnung zu mieten und womöglich bald wieder umziehen zu müssen. Zudem steigt die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen – auch hier entscheidet der Geldbeutel über die Wohnform.

Meist sind es also ökonomische Gründe, die aber von einem Wandel der Beziehungen zwischen den Generationen befördert werden. Während Generationskonflikte in der Vergangenheit als Hauptursache für den Auszug aus dem Elternhaus galten, muss die jüngere Generation heute im Allgemeinen weniger für ihre persönliche und räumliche Unabhängigkeit kämpfen. Zudem gibt und gab es immer auch Eltern mit “Empty Nest”-Syndrom: Manche Eltern möchten gar nicht, dass ihr Kind auszieht, sondern hängen an ihrem “Nesthäkchen”. Dennoch müssen beide Seiten beim Zusammenleben ihre Freiräume immer wieder neu aushandeln. Auch wenn junge Erwachsene die Bequemlichkeit und das kostengünstige Wohnen schätzen, so haben sie doch ihre eigenen Vorstellungen.

Der typische Nesthocker ist männlich, ledig und gehört der höheren Bildungs- und Einkommensschicht an. Zudem sind die Nesthocker oftmals in kleineren Gemeinden im ländlichen Raum zu lokalisieren. In der Großstadt treten sie seltener auf.

Im Allgemeinen ziehen Frauen früher aus dem Elternhaus aus als Männer, meistens schon mit 21 oder 22 Jahren. In Westdeutschland wohnen die männlichen Jugendlichen durchschnittlich bis zum 26. Lebensjahr bei ihren Eltern. In Ostdeutschland ziehen sie dagegen mehr als zwei Jahre früher aus. Vor einem Vierteljahrhundert verließen die jungen Männer noch mit 22 Jahren das Elternhaus.

Ein europaweites Phänomen – wenn auch unterschiedlich ausgeprägt

Aber auch in den meisten anderen Ländern der Europäischen Union steigt das durchschnittliche Auszugsalter. Dabei lässt sich ein Nord-Süd-Gefälle feststellen: Generell stehen die jungen Leute in Nordeuropa früher auf eigenen Beinen als in Südeuropa. Besonders früh verlassen die Kinder in Dänemark und Finnland ihr Elternhaus – die Frauen im Durchschnitt mit 20, die Männer mit 21 Jahren.

In Mitteleuropa liegt das durchschnittliche Auszugsalter der jungen Frauen zwischen 22 und 23, bei den Männern bei 24 Jahren. Die jungen Griechen und Italiener tun sich europaweit am schwersten damit, ihre eigenen vier Wände zu beziehen. Diesen Schritt wagen sie im Durchschnitt erst nach dem 30. Lebensjahr – in Spanien und Portugal nur geringfügig früher.

In fast allen Ländern der Europäischen Union lebt über die Hälfte aller jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren noch bei ihren Eltern – Ausnahmen stellen lediglich Dänemark und Irland. Besonders deutlich zeigt sich das Nord-Süd-Gefälle bei den 25- bis 29-Jährigen: Während in Finnland (Frauen: fünf Prozent, Männer: 16 Prozent) und in Dänemark (zwei Prozent, fünf Prozent) nur noch ein geringer Anteil der 25- bis 29-Jährigen im Elternhaus wohnt, ist der prozentuale Anteil derer, die in diesem Alter noch zu Hause wohnen, in Griechenland (47 Prozent, 68 Prozent), Italien (53 Prozent, 71 Prozent), Spanien (49 Prozent, 62 Prozent) und Portugal (44 Prozent, 60 Prozent) sehr hoch.

Im Norden Europas ziehen junge Menschen früher aus als im Süden

Im Alter von 18 bis 24 Jahren lebt in fast allen EU-Staaten noch mehr als die Hälfte aller jungen Menschen im Elternhaus. In der Altersgruppe der 25- bis und 29-Jährigen dagegen zeigen sich große Unterschiede: Gerade in den südeuropäischen Ländern wohnen noch mehr als 80 Prozent der Altersklasse zu Hause. In Dänemark, Deutschland und Frankreich sind demgegenüber viele junge Menschen in diesem Alter bereits zu Hause ausgezogen. Einen Sonderfall bildet Irland: Hier ziehen viele junge Menschen im Alter von 25 bis 29 Jahren wieder ins Elternhaus, nachdem sie bereits ausgezogen waren (Daten von 2005, Datengrundlage: European Commission (2008): The life of women and men in Europe).

Wo junge Männer spät das Elternhaus verlassen, gibt es oft weniger Nachwuchs

Das lange Ausharren in den vier Wänden der Eltern hat vermutlich weit reichende Folgen: Gerade junge Männer, die generell länger zuhause wohnen bleiben, erfahren so wenig Motivation selbstständig zu werden und eigenverantwortlich zu handeln. Sie scheuen sich womöglich auch davor, die ultimative Verantwortung im Leben zu übernehmen, nämlich eine eigene Familie zu begründen. Tatsächlich lässt sich die niedrige Geburtenrate in manchen europäischen Ländern in Zusammenhang damit bringen, dass viele Männer erst spät einen eigenen Haushalt gründen. So ist in Ländern mit einem hohen das Auszugsalter, wie in Italien, Spanien oder Portugal die Fertilitätsrate generell niedrig. Umgekehrt ist es in Ländern, wo die Söhne recht früh ausziehen: Dort ist die Geburtenrate europaweit überwiegend hoch. In Italien werden die Nesthocker als “Mammoni” (große Muttersöhnchen) bezeichnet. Diese sind für Frauen, die nach einer Beziehung streben, in der beide Partner Verantwortung übernehmen, möglicherweise wenig attraktiv – schon gar nicht, wenn es auch darum geht, gemeinsam Kinder groß zu ziehen (vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft von Europa).

Deutschland sticht aus diesem Trend heraus: Zwar ziehen die jungen Männer vergleichsweise früh aus, aber das schlägt sich nicht in der Geburtenrate nieder. Die langen Ausbildungszeiten, der späte Berufseinstieg und vor allem die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen hierzulande offensichtlich dazu, dass junge Menschen den Kinderwunsch aufschieben.

Senken Nesthocker die Geburtenrate?

Je länger junge Männer zuhause wohnen, desto niedriger ist tendenziell die Fertilitätsrate in den entsprechenden Ländern. Deutschland und stechen als Ausnahme heraus: Hier ziehen die jungen Männer im europaweiten Vergleich recht früh aus dem Elternhaus aus, aber die Fertilitätsrate liegt trotzdem niedrig (Daten von 2005, keine Daten für Schwedenund Irland; Datengrundlage: European Commission (2008): The life of women and men in Europe).

Literatur / Links

Bendit, René / Hein, Kerstin (2003): Internationale Studie “Families and Transitions in Europe” (FATE).

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. Berlin.

European Commission (2006): The social situation in the European Union 2005-2006. Luxembourg.

European Commission (2008): The life of women and men in Europe – a statistical portrait. Luxembourg.

Office for National Statistics (2009): Population Trends 138 – Winter 2009.

Papastefanou, Christiane (2003): “Nesthocker-Familien” – zwischen Solidarität und Symbiose.


Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, DEMOS-Newsletter 98, Februar 2010